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Vortrag – „Die Wirtschaftsunion von Julius Meinl II.“ von Dr. Michael Fembek

16. April: 19:00 - 21:00

Julius Meinl II. (1869–1944) übernahm das Wiener Kaffee- und Handelsunternehmen seines Vaters und baute es zu einem der bedeutendsten Lebensmittelkonzerne der ehemaligen Habsburgermonarchie aus. Nach einer kaufmännischen Ausbildung, unter anderem in London, trat er 1896 in das Unternehmen ein und modernisierte es stark. 1899 eröffnete er ein repräsentatives Geschäft im Jugendstil in der Wiener Innenstadt, das das Konzept des täglich frisch gerösteten Kaffees bekannt machte. Gleichzeitig entwickelte er ein integriertes System aus Import, Verarbeitung und Verkauf über ein wachsendes Filialnetz, das schon vor dem Ersten Weltkrieg mehr als hundert Standorte umfasste.

Meinl galt als entschlossener Unternehmer mit liberalen Grundsätzen. Er führte für seine Beschäftigten vergleichsweise fortschrittliche Sozialleistungen wie Sonntagsruhe, Urlaub, Abfertigungen und eine betriebliche Altersvorsorge ein, später sogar eine 40-Stunden-Woche. Gleichzeitig modernisierte er die Produktion und rationalisierte die Abläufe, wodurch trotz steigender Umsätze weniger Arbeitskräfte benötigt wurden. Diese Politik führte zu Konflikten mit kommunistischen Gruppen, die ihn öffentlich scharf kritisierten.

Während des Ersten Weltkriegs engagierte sich Meinl politisch. 1915 gründete er mit Gleichgesinnten die Österreichische Politische Gesellschaft, einen Kreis liberaler und pazifistisch gesinnter Intellektueller. Daraus entstand die sogenannte Meinlgruppe, die über internationale Kontakte einen Verständigungsfrieden zwischen den Kriegsparteien erreichen wollte. Die Initiative blieb jedoch ohne politischen Erfolg.

Nach 1918 blieb das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich und expandierte weiter in mehrere Staaten Mitteleuropas. Gleichzeitig sah Meinl in den neuen Grenzen und Zollschranken das größte Hindernis für wirtschaftliche Entwicklung. Er setzte sich deshalb für eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas und für freien Handel ein.

Ein wichtiger Versuch war die von ihm organisierte Mitteleuropäische Wirtschaftstagung 1925 in der Wiener Hofburg. Dort diskutierten Politiker, Ökonomen und Unternehmer aus mehreren Ländern über eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, etwa durch erleichterten Handel, bessere Verkehrsverbindungen und Kooperation der Notenbanken. Viele dieser Ideen stießen jedoch auf Widerstand, da zahlreiche Politiker und Unternehmer nationale Wirtschaftsinteressen und Schutzzölle verteidigten.

Zwar entstanden aus der Tagung weitere Initiativen, etwa Pläne für einen europäischen Zollverein der Donaustaaten, doch sie wurden nie umgesetzt. Die Weltwirtschaftskrise und politische Spannungen verhinderten eine stärkere Integration. Meinl blieb dennoch ein überzeugter Befürworter des Freihandels, stand mit seinen Ideen aber oft allein da. Anfang der 1930er-Jahre zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und übergab 1933 die Unternehmensleitung an seinen Sohn. Seine Vision eines wirtschaftlich enger verbundenen Mitteleuropas blieb unerfüllt, griff jedoch Gedanken vor, die später in der europäischen Integration wieder aufgegriffen wurden.

Dr. Michael Fembek ist seit über 40 Jahre publizistisch tätig und befasst sich heute vornehmlich mit Innovationen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Er ist bei der Essl Foundation tätig und schreibt einen Geschichte-Blog im Standard zum Thema “Visionäre aus dem Wien der 1920er-Jahre”.

Eintritt Mitglieder: Freie Spende   

Unkostenbeitrag für Nicht-Mitglieder: EUR 9,-

Details

  • Datum: 16. April
  • Zeit:
    19:00 - 21:00

Veranstaltungsort

Veranstalter

  • Heimatverein